Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 30. November 2021
Ausgabe 7407 | Nr. 334 | 21. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Dipl. Ing. Reiner Saul
Herausgeber: Bauen mit Stahl e.V. email-weiterempfehlendruckansicht

Müssen kostengünstige Brücken unbedingt hässlich sein – Teil 4b/4

# 15.01.2002

Fortsetzung: Wege zu kostengünstigen und gut gestalteten Brücken / Die Beitragsreihe endet mit dem vierten Teil

5.6.1 BOT

Einige Kontorhäuser der Hamburger Speicherstadt sollen der Passage zum Opfer fallen - Bild: Stadt Hamburg Einige Kontorhäuser der Hamburger Speicherstadt sollen der Passage zum Opfer fallen - Bild: Stadt Hamburg

Bei diesem Vergabeverfahren bietet ein Konsortium aus Baufirmen, Banken und Betreibern den Bau und Betrieb von Verkehrsanlagen und die Übergabe - z. B. nach 30 Jahren - an den Bauherrn an. Zu beachten sind also nicht nur die Baukosten, sondern auch die Finanzierung und die Kosten des Betriebs einschließlich der laufenden Unterhaltung. Maßgebend für die Vergabe sind entweder die Mautgebühren oder der erforderliche Zuschuss des Bauherrn. Während die Pros und Contras von BOT hierzulande noch heftig diskutiert werden, hat es im Ausland zu einer Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur geführt, die mit den traditionellen Mitteln nicht zu erreichen gewesen wäre.

Vorteilhaft an diesem Verfahren ist, dass neue Geldquellen - die Mautgebühren gezielt für den Ausbau der Infrastruktur verwendet werden und nicht erhöhte Mineralölsteuern in dem allgemeinen Staatshaushalt verschwinden. Vorteilhaft ist auch eine kurze Bauzeit, mit der der Finanzierungsbedarf gering gehalten werden kann. Nachteilig ist, dass die Kosten im allgemeinen das alleine entscheidende Kriterium sind. Das folgende Beispiel zeigt aber, dass man trotzdem eine gute Gestaltung erzielen kann, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt.

5.6.2 Die Verbindung Rosario-Victoria, Argentinien

Abb. 14 – Die Brücke La Cartuja  in Sevilla Abb. 14 – Die Brücke La Cartuja in Sevilla

Die Städte Rosario und Victoria zu beiden Seiten des Paranà sind in der Luftlinie ca. 50 km voneinander entfernt, auf dem Landweg aber über 500 km. Die im Bau befindliche 60 km lange Verbindung beider Städte besteht im Wesentlichen aus:

• der ca. 4 km langen Brücke über den Paranà, deren Herzstücke eine Schrägkabelbrücke mit Stützweiten von 110 - 350 - 110 m ist, Abb. 14,
• 12 Brücken über Nebenflüsse des Paranà und zur Hochwasserentlastung mit einer Gesamtlänge von 8 km, • 48 km Dämmen.

Die Brücke über den Paranà ist wegen der Schwierigkeiten einer späteren Verbreiterung - auch im Hinblick auf den Schutz gegen Schiffsanprall - vierspurig, die anderen Brücken und die Dämme im Hinblick auf geringe Initialkosten zweispurig.

6 Schlussbemerkung

Die gute Gestaltung von Brücken und volkswirtschaftlich sinnvolle Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur stehen zwar scheinbar im Widerspruch, sind aber kein unauflösbarer Konflikt. Billige, nur am Bauverfahren orientierte Brücken sind weder preiswert noch schön. Andererseits werden Brücken, die wegen Missachtung günstiger Tragwerksformen überteuert sind, nicht unbedingt als schön empfunden.

Stahl- und Verbundbrücken kombinieren in hervorragender Weise gute Gestaltung und Kostengünstigkeit, auch heute noch sind sie häufig die einzige wirtschaftliche Lösung, zum Beispiel bei sehr weitgespannten und extrem schlanken oder beweglichen Brücken, bei Bogenbrücken sowie beim Umbau und der Verbreiterung bestehender Brücken. Die wesentlichen Weichenstellungen für die Kosten - und natürlich für die Gestaltung - erfolgen in den frühen Entwurfsphasen. Es wäre wünschenswert, dass auch in der heutigen, immer schnellerlebigen und kostenbewussteren Welt für diese Entscheidungsfindung weiterhin - oder wieder - genügend Zeit und Mittel zur Verfügung gestellt werden. Hier zu sparen heißt sicherlich, an der falschen Stelle zu sparen.

Auch im neuen Jahrtausend wird das Ringen um diese Problematik ein ständiger Begleiter von Brückenbauingenieuren und - architekten sein. Freuen wir uns darüber! Wie schrecklich wäre es, wenn alles schon völlig klar wäre!

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