Autor: Dr.-Ing. Rüdiger Müller
Herausgeber: Bayerische Ingenieurekammer - Bau

WTC e.XTRA - Folgerungen für den deutschen Hochhausbau

# 17.09.2001

Wunsch der Menschen nach immer gewagteren Bauwerken darf nicht dominieren / Bedürfnis nach Sicherheit muß im Verhältnis stehen

Die Fachleute melden sich zu Wort

Das Hochhaus Uptown München (Fertigstellung: 2004) misst 146 Meter. Foto: Afrank99 / Wikimedia Das Hochhaus Uptown München (Fertigstellung: 2004) misst 146 Meter. Foto: Afrank99 / Wikimedia

Der von der Bauaufsichtsbehörde der Landeshauptstadt München mit der bautechnischen Prüfung des neuen ca. 146 m hohen Hochhauses am Olympiagelände in München beauftragte Prüfingenieur Dr. Ing. Rüdiger Müller analysiert im Folgenden die Konsequenzen des Attentats für den Hochhausbau.

Es ist ein Grundprinzip der Sicherheitstheorie, dass der Grad an Sicherheit bzw. das Restmaß an Versagenswahrscheinlichkeit (ganz auszuschließen ist ein Versagen niemals) u.a. von den Folgen eines Versagens und auch von der Möglichkeit einer rechtzeitigen Reaktion nach dem Schadensereignis abhängig gemacht wird - deshalb wird z.B. wegen der möglichen verheerenden Folgen bei Kernkraftwerken ein Flugzeugaufprall berücksichtigt.

Das US-Verteidigungsministerium z.B. hat aufgrund der zurückliegenden Bombenanschläge Vorschriften erlassen, die gewährleisten sollen, dass bestimmte Gebäude auch nach einem Sprengstoffanschlag nicht in sich zusammenstürzen und daher Personen noch Schutz bieten können.

Flugzeugaufprall darf 500-Meter-Hochhaus nicht komplett zerstören

Es wäre nach Auffassung des Verfassers nicht hinnehmbar, wenn z.B. ein Gebäude von 500 m Höhe mit ca. 50.000 betroffenen Personen, wie es momentan bereits in der Planung ist, durch den Aufprall eines einzigen Flugzeuges komplett zerstört würde. Bei sehr hohen Gebäuden müsste die tragende Primärstruktur in der Lage sein, auch solchen katastrophalen Belastungen standzuhalten.

Zumindest müsste nach einem Flugzeugaufprall oder einem Anschlag mit der Folge eines Teileinsturzes auch nach längerer Brandeinwirkung noch ein stabiler Teil (z.B. ein innerer Kern aus Stahlbeton) bestehen bleiben, der den Menschen als Fluchtweg dienen könnte.

Hochhäuser in Deutschland in der Regel mit stabilem Stahlbetonkern

Glücklicherweise wurden bzw. werden Hochhäuser in Deutschland in der Regel mit stabilen Stahlbetonkernen ausgeführt, die - so ist zu hoffen - wohl auch bei einem Versagen der Decken und der Fassaden und einer langen Brandeinwirkung noch eine Reststabilität aufweisen und Personen dadurch Schutz bieten können.

So ist z.B. das kurz vor dem Baubeginn stehende 146 m hohe Hochhaus am Olympiapark in München mit einem sehr stabilen Stahlbetonkern geplant, der die gesamte Aussteifung ohne Mitwirkung der Aussenhülle übernimmt und wohl auch einem Flugzeugaufprall standhalten könnte.

Überleben muss auch im Katastrophenfall möglich sein

Es ist im Hinblick auf die künftige Nutzung und Entwicklung solcher Gebäude unverzichtbar, das Vertrauen der Menschen zu erhalten und ihnen das Gefühl zu geben, dass selbst bei einem extrem unwahrscheinlichen Katastrophenereignis eine realistische Chance besteht, mit dem Leben davon zu kommen. Andernfalls würden diese Gebäude wohl nicht mehr, so wie bisher, von den Menschen akzeptiert.

Der Wunsch der Menschen nach immer gewagteren Bauwerken darf nicht dominieren, sondern muß in einem ausgewogenen Verhältnis zu dem Bedürfnis nach Sicherheit stehen. Die Definitionen der Katastrophenlasten und die baulichen Konsequenzen im einzelnen müssen noch festgelegt werden, wobei hier eine internationale Zusammenarbeit wünschenswert wäre.

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