Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 06. Oktober 2022
Ausgabe 7717 | Nr. 279 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Prof. Dirk Proske: "Meine Mutter wollte eine Datsche, also ging ich zum Bau."

# 12.07.2022

Dirk Proske von der Berner Fachhochschule: Erste Erfahrungen als Baufacharbeiter in der DDR - Digitales Bauen nicht IT-Spezialisten oder Mathematikern überlassen - Erheblicher Mangel an Fachwissen auf Entscheidungsebene kritisiert

Prof. (FH) Dr.-Ing. habil. Dirk Proske M.Sc.

Dirk Proske ist Studiengangleiter MSE Civil Engineering und Professor für Risikomanagement an der Berner Fachhochschule. Foto: Wilhelm Proske Dirk Proske ist Studiengangleiter MSE Civil Engineering und Professor für Risikomanagement an der Berner Fachhochschule. Foto: Wilhelm Proske

Dirk Proske arbeitet seit November 2018 als Studiengangleiter MSE Civil Engineering und Professor für Risikomanagement an der Berner Fachhochschule am Department für Architektur, Bau und Holz.

Von 2009 bis 2018 war er im Kernkraftwerk Beznau in der Schweiz und zuvor für verschiedene Ingenieurbüros und an anderen Hochschulen, wie der TU Dresden, der TU Delft und der Universität für Bodenkultur in Wien tätig.

Die Berner Fachhochschule wurde 1997 gegründet. Sie besteht aus sieben Departementen und einer angegliederten Hochschule.

Es werden jeweils circa 30 Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten, die zur Zeit von circa 7.800 Studierenden besucht werden. Die Betreuung erfolgt durch circa 2.600 Mitarbeitende. Am Department für Architektur, Holz und Bau studieren etwa 600 Personen.

Was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Meine Arbeit gliedert sich in drei Teile. Dies sind die verwaltungstechnischen Fragestellungen bei der Leitung des Studienganges, die fachliche Arbeit mit den Studierenden und die Forschungs- bzw. Entwicklungsarbeit für Firmen.

Ich empfinde die verwaltungstechnischen Fragestellungen und Entwicklungen als größte Herausforderung. Manchmal fällt mir die Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit übergeordneter verwaltungstechnischer Entscheidungen schwer.

Das kann an meiner eingeschränkten Sicht der Dinge liegen, es kann aber auch einer sich dramatisch verändernden Welt geschuldet sein. Die Arbeit mit den jungen Menschen und die Forschungs- und Entwicklungsarbeit bereiten mir sehr viel Freude.

Wie lange sind Sie schon Bauingenieur und warum? Was war Ihr bisheriger beruflicher Höhepunkt?

Die erste Frage lässt sich gar nicht so leicht zu beantworten. Ich besitze seit 1994 ein abgeschlossenes Bauingenieurstudium als Master of Science der City University London. Damals wurde der M.Sc. in Deutschland aber noch nicht anerkannt, weshalb ich meinen Diplomstudiengang an der Technischen Universität Dresden bis 1996 abschloss. Insofern bin ich seit 1996 in Deutschland Bauingenieur.

Allerdings besaß ich schon vor dem Studium Erfahrung auf dem Bau. In der DDR habe ich Baufacharbeiter mit Abitur gelernt. Der Grund dafür war, dass sich meine Mutter eine Datsche wünschte, die ich bauen sollte. Das war der eigentliche Auslöser meiner beruflichen Entwicklung.

Daneben habe ich immer mit dem Gedanken eines Physikstudiums geliebäugelt. Letztendlich spiegelt sich dieser Zwiespalt auch in meiner gesamten beruflichen Laufbahn wider. Ich habe in verschiedensten Fachgebieten gearbeitet, vom Brückenbau über Naturgefahren bis zu Fragen des Sprödbruchverhaltens von Nuklearreaktoren. Zu der Datsche ist es indes nie gekommen.

Die Frage nach meinem bisherigen beruflichen Höhepunkt kann ich ebenfalls nur schwer beantworten. Ich hatte in meinem Leben die Möglichkeit, an verschiedenen Hochschulen, für verschiedene Ingenieurbüros und in Ländern wie Südafrika, Indonesien, Niederlande, Deutschland, Österreich und Schweiz beruflich tätig zu sein. Jede Aufgabe hatte ihren Reiz, aber auch ihre Herausforderungen.

"Ich hatte beruflich das Glück, die Anfänge
der Entwicklung des Textilbetons in Dresden zu begleiten.
Es freut mich, zu sehen, welche Dynamik diese Entwicklung an
der TU Dresden bis heute mit dem Carbonbeton genommen hat."


Prof. Dirk Proske

Am anspruchsvollsten war sicherlich die Erstellung des Sicherheitsnachweises für den Reaktor des Kernkraftwerks Beznau I nach der Entdeckung von Einschlüssen. An diesem Nachweis hingen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen, es erfolgte eine intensive Interaktion mit zahlreichen Managementebenen und der Aufsichtsbehörde, es wurden hochspezifische Fragen der Sicherheit mit teilweise weltweit führenden Experten diskutiert und die Arbeit umfasste verschiedenste Fachgebiete.

Insgesamt erreichte die Tätigkeit im Kernkraftwerk ein unglaubliches wissenschaftlich-technisches Niveau. So gelang uns nach Fukushima innerhalb weniger Monate die Erstellung eines neuen Erdbebensicherheitsnachweises für das damals 40 Jahre alte Kraftwerk unter deutlich gestiegenen seismischen Einwirkungen und dem Einsatz neuester Methoden. Ich möchte in diesem Zusammenhang gern meine Wertschätzung gegenüber meinen ehemaligen Kollegen ausdrücken, wie zum Beispiel Davide Kurmann, einem exzellenten Fachmann.

Ich hatte beruflich auch das Glück, die Anfänge der Entwicklung des Textilbetons in Dresden zu begleiten. Es freut mich ungemein, zu sehen, welche Dynamik diese Entwicklung an der TU Dresden unter der Leitung von Professor Curbach bis heute mit dem Carbonbeton genommen hat. Auch meine Mitarbeit bei der Organisation des Dresdner Brückenbausymposiums war außergewöhnlich. Diese Tagung ist von einer unglaublich positiven Atmosphäre durchdrungen.

Letztendlich sind auch die Forschungsprojekte und die Veröffentlichungen oft hart erkämpfte Erfolge gewesen. Drei meiner Bücher wurden inzwischen ins Englische übersetzt, der "Katalog der Risiken" soll sogar ins Chinesische übersetzt worden sein, ich habe allerdings nie eine Kopie davon gesehen.

Wie definieren Sie die Rolle der Hochschulen?

Eine Aufgabe der Hochschulen ist die Befähigung von Menschen zur Ausführung einer bestimmten beruflichen Tätigkeit. Dabei sollen die Hochschulen zukünftige gesellschaftliche und technische Entwicklungen antizipieren und gleichzeitig ihre pädagogischen Werkzeuge verbessern.

Die Antizipation der kurzfristigen und lokalen Entwicklungen kann nur in enger Partnerschaft mit den Fachverbänden und Firmen erfolgen, während die Antizipation der langfristigen Entwicklungen nur durch die Interaktion mit der Politik möglich wird. Gleichzeitig, und das sollte man nicht aus den Augen verlieren, ist keiner dieser Partner, wie auch die Hochschulen selbst, in der Lage, solche Entwicklungen genau vorherzusagen.

Ein Absolvent des Bauingenieurwesens 2022 wird vermutlich 40 bis 45 Jahre berufstätig sein, also bis zum Jahr 2060. Zu diesem Zeitpunkt werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr leben. Die Brückenbauwerke werden nach heutigem Wissen bis 2160 bestehen. Dann wird vermutlich auch der Absolvent nicht mehr leben. Irgendjemand muss aber diese Bauwerke Instand halten. Wie können wir wissen, welche technologischen Möglichkeiten es dann gibt und wie der Beruf des Bauingenieurs aussieht?

Aus diesem Grund sehe ich persönlich die Aufgabe der Hochschulen darin, Menschen zu befähigen und mit Werkzeugen auszustatten, um heute uns unbekannte Aufgaben zu bewältigen. Das gilt ja nicht nur für das Berufsleben, sondern das Leben allgemein. Und es klingt schlimmer als es ist. Eine Portion kritisches Denken, exzellentes Fachwissen, eine Prise gesunder Menschenverstand, Demut und das Herz am rechten Fleck legen dafür ein gutes Fundament.

Neben der Lehre sollten die Hochschulen auch ein Hort der Kreativität und des Schöpfertums sein. Sie besitzen im Gegensatz zur Industrie die Möglichkeit, Forschungspfade zu betreten, die aus unserer Sicht heute – noch – keine Früchte versprechen. Dies ist ein Luxus, der allerdings durch andere Rahmenbedingungen eingeschränkt wird, wie Zielwerte für Veröffentlichungen und Forschungsmittel.

Was sollten sich angehende Bauingenieure Ihrer Meinung nach im Studium aneignen? Was müssen sie selbst mitbringen, damit sie für den Beruf "geeicht" sind?

Eine der wichtigen Grundsätze des Lebens lautet "Liebe was Du tust!". Natürlich kennt ein Studierender zum Anfang noch gar nicht das Tun des Bauingenieurs. Insofern ist das Studium eine Wette auf die Zukunft.

Einige Aspekte kann man aber vorab schon prüfen. Studierende sollten ein großes technisches und mathematisches Interesse besitzen. Sie sollten neugierig und immer bereit sein, dazuzulernen, denn Bauwerke sind überwiegend Unikate. Wenn sie später in den Bereich der Schadensbewertung gehen, hilft auch ein Spritzer detektivische Veranlagung. Sie sollten über logisches und kritisches Denken verfügen.

Insgesamt bietet der Beruf des Bauingenieurs eine beispiellose Vielfalt an Aufgaben. Vom Management bis zu hochspezifischen technischen Fragestellungen, vom Hochhaus bis zum Tunnelbau ist alles dabei.

Lassen Sie mich noch einige wenige allgemeine Worte zum Beruf des Bauingenieurs sagen. Neben den Bauern und Farmern hat keine Berufsgruppe das Antlitz der Erde so verändert wie die Bauleute. Es gibt kein Erzeugnis, welches in solcher Anzahl und mit so einer Lebensdauer produziert wird.

Wir stehen heute vor Bauwerken, die hunderte oder sogar wenige tausend Jahre alt sind. Das entspricht über 100 Generationen. Wenn der Satz von Goethes Faust "Es soll die Spur von meinen Erdenjahren nicht in Äonen untergehen" für jemanden gilt, dann für die Bauleute.

Damit einher geht natürlich auch eine unglaubliche Verantwortung. Die Masse aller gebauten Strukturen überschreitet inzwischen die Kohlenstoffmasse aller Bäume auf der Erde. Dieser Vergleich zeigt die Dimensionen unseres Handelns.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: "Um in Zukunft erfolgreich zu planen und zu bauen, kommt es darauf an, dass..."

...man sich an die Anforderungen der Zukunft anpassen kann. Dazu benötigt man ein gutes Fundament aus Fachwissen und die Fähigkeit zum kritischen und logischen Denken.

Wie digitalisiert arbeiten Sie bereits in Ihrem Job? Welche Bedingungen/Herausforderungen sehen Sie in punkto technischer Ausstattung/Digitalisierung für das Bauwesen?

Unser Department an der Berner Fachhochschule hatte bereits vor Corona wichtige Kommunikationsmittel, darunter zum Beispiel MS Teams, eingeführt. Ich war ursprünglich dagegen, aber im Nachhinein war die Entscheidung des Übergangs zu Teams genial. Gleichwohl müssen wir nach zwei Jahren Corona erkennen, dass Videokonferenzen kein Allheilmittel sind.

Zu schaffen macht mir bei der Digitalisierung die Zersplitterung der Software. Allein für die Studierendenverwaltung benötige ich verschiedenste Softwarepakete. Diese Zersplitterung und die permanenten Softwareänderungen fressen Effizienzgewinne teilweise wieder auf.

Gleichzeitig sehe ich eine große Problematik bei den Zulassungsbedingungen zur Ausbildung des Digitalen Bauens. So überlegt man, ob reine IT-Spezialisten oder Mathematiker zu diesem Studium zugelassen werden. Die Erfahrung von Baustellen, wie sie zum Beispiel die Berner Fachhochschule für Bauingenieurstudenten fordert, also das Erleben mit allen Sinnen, ist aus meiner Sicht aber ein wichtiger Zugang zum Wissen.

Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dieses Risiko in Form von Unglücken sehen. Ich verweise hier nur auf den Untergang der Sleipner A Plattform 1991 (siehe hierzu Quellen und Verweise, Anm. d. Red.).

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Ich befasse mich seit über 25 Jahren mit Risikobewertungen im Ingenieurbereich. Gefahren und Risiken, wie Strommangel und Pandemien, besitzen seit Jahren obere Plätze in nationalen Risikobewertungen. Und dann stellt man vor zwei Jahren überraschend fest, dass Gefahr in Verzug ist und politische "Schnellschüsse" notwendig werden. Der Virologe Hendrik Streeck sprach in diesem Zusammenhang zuletzt über Lockdowns als "Ausdruck von Verzweiflung". Insgesamt lässt mich diese Entwicklung der letzten Jahre mit ungläubigem Staunen zurück.

Warum das so ist, darüber kann ich nur spekulieren. Meiner Meinung nach hat das mit einem erheblichen Verlust an Fachwissen auf verschiedenen Entscheidungsebenen zu tun. Gerade nach dem Unglück von Tschernobyl hatte man eigentlich gelernt, dass Fachwissen Managemententscheidungen schlägt, die sogenannte Sicherheitskultur.

Des Weiteren werden Fachleute mit immer mehr fachfremden Aufgaben betreut. Ich verweise hier auf die Einführung der e-Medizin und die anhaltenden Diskussionen über die Verantwortung der Ärzte zur Datensicherheit in ihren Praxen, aber auch der Umgang mit kritischen Bewertungen. Letztere Entwicklungen stehen teilweise im Widerspruch zu einer offenen, pluralistischen Gesellschaft und bereiten mir große Sorgen.

Als letzten Punkt möchte ich die Digitalisierung anführen. Die Vorteile sind gewaltig. Die Daten, die man heute im Internet abrufen kann, waren vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar. Ich musste Bücher oft noch per Fernleihe bestellen und mehrere Wochen darauf warten.

Gleichwohl sehe ich die Gefahr einer Entmenschlichung. So verbringen wir immer mehr Stunden mit dem Ausfüllen von elektronischen Formularen. Authentische Dankbarkeit als Beispiel von Menschlichkeit gibt es aber nur von Menschen, niemals von Organisationen, und nach meinem Verständnis auch nicht von Software.

Das menschliche Miteinander ist der Klebstoff unserer Zivilisation und wir haben in unserer Geschichte schmerzvoll genug lernen müssen, dass dessen Kräfte beschränkt sind.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Ich versuche, möglichst viel Sport zu treiben, wie zum Beispiel Joggen, Radfahren und Sauna, um den Kopf freizubekommen. Darüber hinaus ist Zeit mit der Familie und sind Treffen mit Freunden immer ein Grund zu großer Freude. Außerdem bin ich ein Kind meiner Zeit und lese gern Bücher und gehe gern ins Kino.

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