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Freitag, 07. August 2020
Ausgabe 6927 | Nr. 220 | 19. Jahrgang
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Tragwerksplaner: Branchenwechsel vom Ingenieurbüro zum Baukonzern?

7 Kommentare | 919 Aufrufe Kommentar hinzufügen
Leuchtturm | 09. März 2020 - 22:58

Ich bin 27 Jahre alt und habe mein erstes Jahr im Berufsleben hinter mich gebracht. Wie der Titel schon sagt, arbeite ich in einem Ingenieurbüro für Tragwerksplanung (NRW) mit ca. 30 Mitarbeitern, davon ca. 10 Ingenieure.

Zwar fühle ich mich vom Arbeitsklima her wohl, bin jedoch mit Gehalt, Urlaub und auch unseren Projekten nicht sehr zufrieden. Derzeit erhalte ich 3.500 € brutto im Monat über 13 Monatsgehälter verteilt, dazu eventuell ein Bonus am Ende des Jahres. Darüber hinaus habe ich 24 Urlaubstage und erhalte ein Bahnticket. Bezüglich der Projekte bin ich unzufrieden, weil wir aktuell zu 80 % Umbau bzw. Bestandsbauten bearbeiten. Um ehrlich zu sein, finde ich es lästig, in alten Statiken zu wühlen und bin schon förmlich hungrig nach einem Neubau. So habe ich mir den Einstieg ins Berufsleben nämlich eher vorgestellt.

Nun kam jedoch der Gedanke, in einen großen Konzern (wie z.B. Bahn oder Züblin) zu wechseln und dort nach Tarif bezahlt zu werden und auch spannendere Projekte zu erhalten. Ein Wechsel in einen anderen Bereich käme auch in Frage, um die oben genannten Randbedingungen zu verbessern. Mein Interessenbereich ist sehr weit gefächert und es muss nicht unbedingt bis an mein Lebensende Statik sein, wobei ich die Bauleitung ausschließen kann. Ich frage mich generell auch, ob ich das für immer machen will, weil mich jetzt schon viele Dinge am generellen Arbeits- bzw. Organisationsablauf eines Statikers stören. Der technische Hintergrund und die Statik an sich finde ich jedoch trotzdem interessant.

Meine Frage wäre nun, ob jemand einen ähnlichen Wechsel bereits vollzogen hat und ob sich dieser Schritt gelohnt hat. Ich möchte mich ehrlich gesagt nicht unter Wert verkaufen und habe mir mit einem Bauingenieur-Studium ehrlicherweise deutlich mehr Gehalt und bessere Projekte gewünscht.

Sandro | 23. Juni 2020 - 14:55

@change:
Es hilft auf jeden Falll die Vertiefung Bau- bzw. Projektmanagement im Studium zu wählen. Ist aber kein MUSS! Das wichtigste Regelwerk ist aus meiner Sicht die VOB/B. Das sollte man nicht auswendig können, aber es muss einem auf jeden Fall bewusst sein, was und wann man von den anderen Projektbeteiligten etwas verlangen kann. Wenn es um Detailfragen geht, gibt es dann unzählige Diskussionen. Nicht selten werden bei uns auch die Anwälte eingeschlatet, denn die Auslegung im Detail ist sehr oft knifflig und jeder legt die Sachverhalte so aus wie er das will.

Und machen wir uns nichts vor: genau so wie Du beim Tragwerksplaner ganz unten angefangen hast, wirst du das in der Regel im Managementbereich auch. Hier zählt aus meiner Sicht die Erfahrung sowie der Wille schnell dazu zu lernen. Und das Wichtigste aus meiner Sicht: nichts anbrennen lassen, immer am Ball bleiben. Dabei schaden paar Jahre im Statikerbüro aber keinesfalls. Wenn es um Statik geht, verstehen die meisten Projektbeteiligten kaum was. Und du hast da dann einen enormen Trumpf in der Hand, denn wenn es um die Standsicherheit geht, werden alle ziemlich schnell still. Das kannst du dann immer zu deinem Vorteil nutzen!

Zu deiner zweiten Frage: ich weiss es nicht, ob man da auf langfristige Sicht deutlich besser verdient. Ich habe mich bei uns umgehört. DIe Kollegen mit 10-20 Jahren mehr an Erfahrung, verdienen so 10.000 bis 15.000 € mehr (brutto). Projektleiter sicherlich auch etwas mehr. Ich weiss aber aus dem alten Büro, dass auch dort die Kollegen mit 10+ Berufsjahre auf einem ähnlich hohen Niveau lagen. Ich denke in der Statik kannst du auch gut verdienen - unter zwei Voraussetzungen: 1. lange Berufserfahrung und 2. i.d.R. mindestens ein Mittelständler. Bei den 2-Mann-Büros, die nur irgendwelche Häuser berechnen ist nicht viel drin. Ich drücke dir die Daumen! Erzähle, wie es bei Dir weitergeht, wenn's soweit ist.

change | 21. Juni 2020 - 11:21

@Sandro:
Ich habe da mal eine paar kleine Fragen an dich. Ich bin direkt nach meinem Abschluss in die Tragwerksplanung (Bachelor) eingestiegen. Jetzt nach knapp über vier Jahren, möchte ich ins Baumanagement (gewerkeübergreifend) wechseln.

Wenn du zurück blickst, wie würdest du dich für den Wechsel von der Statik in das Baumanagement vorbereiten (Schulung, Seminar, etc.), um nicht ganz von unten anzufangen?

Zweite Frage: Ist es tatsächlich so, das man üblicherweise auf langfristige Sicht im Baumanagement höhere Verdienstmöglichkeiten hat wie in der Tragwerksplanung?

Pascal | 15. Mai 2020 - 20:15

@Student:
Sorry, ich habe erst jetzt deine Antwort bzw. deine Frage zu meinem Beitrag gesehen. In nahezu jedem Wohnungsunternehmen gibt es Ingenieure, die sich um die Instandhaltung und Modernisierung der Gebäude kümmern und bei Neubauprojekten als Bauherr, im Namen des Unternehmens auftreten.

Wohnungsunternehmen sind sehr heterogen, manche erhalten nur ihren Bestand. So ein Unternehmen ist für uns tendenziell - sagen wir mal langweilig. Andere bauen jedoch sehr viel und betreiben auch Stadtentwicklung - da wird es schon spannend! Wieder andere treten auch als Bauträger auf.

Schau Dir mal die folgenden Stellenangebote an:
https://www.bauingenieur24.de/url/200/25961
https://www.bauingenieur24.de/url/200/25667

Student | 24. März 2020 - 21:28

@Pascal:
Ich bin kurz vor dem Abschluss und werde bald auch in der Tragwerksplanung anfangen. Was meinst du mit "in der Wohnungswirtschaft gibt es interessante Jobs für uns Ingenieure"? Welche Stellen sind da für Bauingenieure relevant, die nicht mit der Statik oder Bauleitung was zu tun haben? Würde mich sehr interessieren. Danke!

Sandro | 20. März 2020 - 13:37

@Leuchtturm:
Ich habe einen solchen Wechsel hinter mir. Habe als Tragwerksplaner vor ca. 8 Jahre in einem mittelständigen Büro mit knapp unter 40.000 € angefangen. War mit dem Gehalt nicht so wirklich zufrieden. Nach 3 Jahre bin ich zu einem größeren Büro gewechselt und hatte 50.000 € anfangs und später ca. 55.000 €. Um ehrlich zu sein, fand ich das Gehalt ok, aber das Riesenprojekt an dem ich geackert habe, war mir auf Dauer zu langweilig. Baustelle kam aber aus diversen Gründen für mich nicht in Frage.

Vor einem Jahr bin ich dann ins Projektmanagement mit einem Gehalt von 70.000 € gewechslet. Ich muss sagen, das ist eine komplett andere Welt, die man als Tragwerksplaner gar nicht so wirklich kennt. Es sind auch komplett andere Abläufe. Die Bandbreite der Aufgabenstellungen und Herausforderungen ist riesig, die Tiefe der Themen zählt i.d.R. nicht wirklich. Aber man muss schon fähig sein anhand von gewissen Informationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und das wie bereits geschrieben, aus der ganzen Bandbreite des Bauingenieurwesens. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich hier zum ersten mal auch kapiert habe, was ein Bauprojekt wirklich bedeutet. Da hängt einiges mehr dran als nur die Statik.

Dabei hatte ich auch Glück, denn mein Vorgesetzter kam selber aus dem Bereich der Tragwerksplanung. Ich denke, dass hat mir extrem geholfen hier einzusteigen. Obwohl ich längst kein Profi auf dem Gebiet bin, macht mir die Arbeit riesen Spass. Und man lernt wirklich jeden Tag viel dazu und nicht nur wie man ein Statikprogramm optimal bedient. Schau dich mal um, ich denke momentan sind genug alternative Stellen auf dem Markt. Und Leute die aus der Statik kommen, werden nach meiner Erfahrung eigentlich gerne genommen. Wie sich die derzeitige Krise auswirkt, weiss ich leider nicht, aber momentan laufen alle unserer Baustellen auf Hochtouren.

Pascal | 20. März 2020 - 07:07

@Leuchtturm:
Ich kann deine Überlegungen gut verstehen. Ich kann dir durchaus dazu raten, auch mal ein paar Jahre auf die Baustelle zu gehen. Als Statiker ist man der Theoretiker schlecht hin und man läuft Gefahr, gar nicht mehr wirklich zu wissen, wie eigentlich das, was man plant später gebaut wird. Dein Gehalt ist für den Anfang m.E. absolut in Ordnung, erst recht mit einer Prämie am Jahresende, die ja auf deine 45.500 € im Jahr brutto noch drauf kommen. Mit etwas Geschick schaffst du es in den nächsten Jahren auf ein Gehalt von rund 60. 000 €/a. Dein Urlaub ist allerdings ein Witz, da würde ich mal versuchen auf 30 Tage zu kommen.

Grundsätzlich gilt: Das was du tust, musst du gerne tun. Wenn dir das ganze Wochenende schon vor Montag graut, und du dich ab Montag auf das Wochenende freust, dann solltest du handeln. Such dir eine Stelle, für die du sprichwörtlich brennst - und DANN näherst du dich auch automatisch an deine Gehaltsvorstellungen an. Übrigens: Auch in der Wohnungswirtschaft gibt es interessante Jobs für uns Ingenieure und dort herrschen grandiose Arbeitsbedingungen! Liebe Grüße und viel Erfolg!

Jonas | 19. März 2020 - 15:30

@Leuchtturm:
Ich habe leider noch keinen solchen Wechsel vollzogen, bin aber auch Bauingenieur. Wenn für dich die Bauleitung ausgeschlossen ist, darfst du dir leider keine so grossen Gehaltssprünge ausmalen. Der Wunsch nach besseren bzw. spannenderen Projekte wirst du mit einem Wechsel realisieren können. Allerdings sind die ca. 45.000 €, wie du angegeben hast, mit 27 Jahren ein ganz normales Gehalt in der Branche.

Ich finde man muss da schon fair und ehrlich sagen, dass ein Bauingenieurstudium nicht das richtige ist um gutes Geld zu verdienen. Ich finde es auch schade dass es in Deutschland so schwierig ist einfach mal am Anfang zum Studium den Leuten zu sagen, worauf sie sich finanziell da einlassen. Bin selbst Bauingenieur im Planungsbüro (Tiefbau) und habe auch mein "blaues Wunder" erlebt, als ich die ersten Gehaltsverhandlungen hinter mir hatte. Schade eigentlich.

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