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Wieviele Überstunden als Bauingenieur?

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Kah | Thema eröffnet vor 13 Jahren

Ich arbeite in einem Ingenieurbüro (35 MA, Hochbau, Brücken, Industrieanlagen) und schiebe pro Monat zwischen 25-35 h Überstunden, die ich nur teilweise bezahlt bekomme. Daher wollte ich mal wissen, wieviele Überstunden pro Monat bei Euch so üblich sind und inwieweit ihr diese vergütet bekommt? Besten Dank für Eure Auskunft! Gruß, G. Kah

exBauleiter | 21. Juli 2020 - 17:15

@Dingdong:
Definitiv wechseln! Begründung: Die Struktur in dem Betrieb ist höchstwahrscheinlich so festgefahren. Die Geschäftsführung hat eine kaufm. Abteilung, die Angebote und Personal so kalkuliert. Dass die Bauleiter > 50 h arbeiten bei einer Pauschalbezahlung. Die vermutlich im Schnitt nicht all zu hoch ist. Bis auf ein paar Ausnahmen in der OBL, die sich ein sehr gutes Standing aufgebaut haben.
Was du tun kannst, wenn du doch da bleibst:

  • im mündlichen(!) Gespräch betonen, dass der Workload deiner Bezahlung nicht gerecht wird und einfach grundsätzlich mehr fordern. Das kann gut gehen. Solange nicht alle Bauleiter auf die Idee kommen. Eure Gehälter sind ja durchkalkuliert.
  • den Freitag als freien Tag aushandeln. Bei gleicher Bezahlung. Würde ich aber nicht raten. Freitag ist nun mal auch was los auf der Baustelle und es werden dann noch kurzfristig Weichen gestellt für die nächste Woche. Du hast damit nur Ärger, weil du bist ja immer noch verantwortlich für die Baustelle
  • Zwei bis Drei Wochen bezahlten Sonderurlaub aushandeln
  • geh innerhalb des Unternehmens weg von der Bauleitung! Geh ins Nachtragsmanagement. Oder Risikomanagement/Kalkulation.
An den Abrechnungsstrukturen wirst du nichts ändern können. Ich wette, es gibt auch keinen Betriebsrat bei euch.

Ich war bei einer Firma mit exakt den gleichen Praktiken. Habe bei der letzten Gehaltsverhandlung eine Woche Sonderurlaub nach Beendigung eines Großprojekts angeboten bekommen. Das war aber eine einmalige Angelegenheit.

Und genau aus dem Grund habe ich das Unternehmen verlassen in Richtung öffentlicher Dienst. Man wird sonst verheizt. Und > 50 stressige(!) Stunden pro Woche bei unter 70.000 Euro im Jahr. Bei mir sogar unter 60.000 Euro mit Dienstwagen. Das nenne ich verheizen!

Dingdong | 20. Juli 2020 - 13:43

Was kann man gegen ausufernde Arbeitszeiten tun? Als Bauleiter sind wir, meine Kollegen und ich, mindestens 50 Std./Woche auf der Baustelle. Nicht selten, wie man es kennt, deutlich darüber. Wenn ich mir so manche externen Bauleiter (und Handwerker) anschaue, ist die 40-Stunden-Woche bei denen im Betrieb angekommen und angenommen worden. Hier haben die Leute zum Ausgleich ein verlängertes Wochenende, arbeiten also von Montag bis Donnerstag, oder kriegen Überstunden ausgezahlt.

Wir müssen (!) in unseren Zeitkonten falsche Daten angeben. Ein Ausgleich der tatsächlich ausgeführten Arbeitszeit findet nicht statt. Überstunden werden nicht vergütet oder erfasst. Mir stinkt das so langsam. Wie kann ich einen Zeit- oder Vergütungsausgleich durchdrücken?

baumann | 05. Februar 2018 - 11:19

@Kahn:
Je nach Bereich sind 50 h in der Bauleitung die Regel. Da wirst du nicht unbedingt was besseres finden! Allerdings ist deine Bezahlung ziemlich mies. Unter 50.000 bis 55.000 EUR Jahresgehalt + Firmenwagen solltest du dich nicht verkaufen! (Das ist in vielen Unternehmen das Einstiegsgehalt!)

TakaTukaLand | 04. Februar 2018 - 11:23

@Kahn:
Solche Berichte aus der Realität sind hier nicht erwünscht. Die örtliche Doktrin verpflichtet zu positiven Jubelbeiträgen. So sind Meldungen zu Jahresbruttohehältern für frische Einsteiger mit Bachelor Abschluss von unter 50.000 EUR plus Firmenwagen bei einer 40h Woche verpönt. Kommen doch mal Stimmen aus der realen Bauwelt durch, gibt es sofort einen Flashmob von Berichten mit Jahresgehältern jenseits der 65.000 bis 70.000 EUR bei natürlich einer 40 h Woche und 2-3 Jahren Berufserfahrung. Du kannst mit mindestens 5 solcher Jubelarien in den nächsten Wochen rechnen.

Malcolm | 02. Februar 2018 - 17:09

@Khan:
Du musst reden und deine Meinung mutig sagen. Die Chefs beissen nicht. Ansonsten die Arbeit wechseln. Bauingenieure sind zurzeit überall gesucht.

Kahn | 01. Februar 2018 - 20:18

Ich bin 24 Jahre alt und habe Bauingenieurwesen studiert, mittlerweile arbeite ich schon seit 1 Jahr in einem Bauunternehmen (Bereich Schlüsselfertigbau). Das Bauunternehmen macht ca. einen Umsatz von 2 Milliarden im Jahr und hat ca. 5000 Mitarbeiter. Mir wurde beim Vorstellungsgespräch mittgeteilt, dass man eine 40 h/Woche in der Firma hat, so steht es auch im Arbeitsvertrag. Nun bin ich seit einem Jahr da und habe jede Woche 50-60 Stunden, ich bekomme sie weder bezahlt, noch kann ich Sie abbauen.

Ich finde das unangemessen, 50-60 Stunden in der Woche für 3.150 EUR brutto (ca. 1.900 netto) monatlich zu arbeiten. Ich will nicht mehr Geld, ich wäre schon zufrieden, wenn ich die Stunden abbauen könnte. Ich habe mir überlegt die Firma zu wechseln, aber ich weiß nicht ob es in anderen Firmen auch so ist?

Könnt Ihr mir bitte von euren Erfahrungen berichten und mir sagen wie es bei euch ist? Vielen Dank!

carl | 21. März 2007 - 07:54

Als ich als Bauleiter bei einer mittelständischen Firma gearbeitet habe (ca. 100 MA in der Niederlassung), habe ich sicher pro Monat ca. 30 Überstunden gemacht, komplett unbezahlt und mehr oder weniger erwartet. Dafür gab es aber auch Zeiten, z. B. nachdem eine Baustelle abgeschlossen und keine neue in Sicht war, wo man vielleicht mal eine Stunde eher gehen konnte. Im großen und ganzen aber fällt die Bilanz deutlich negativ aus.

LS | 21. März 2007 - 08:05

Ich mache - je nach Projekt und Arbeitsort - zwischen 20 bis 80 Überstunden pro Monat, bekomme aber alle vergütet oder kann Gleitzeit nehmen. In einem "normalen" Monat bewege ich mich aber an der unteren Grenze von ca. 20-30 Überstunden.

Jochen | 21. März 2007 - 09:36

@Kah:
Die Anzahl Ihrer Überstunden ist sicher normal in der Branche. Ich bin jetzt selbständig, als Angestellter wurden mir alle Überstunden bezahlt. Ich halte diesen Ansatz, über Stunden abzurechnen, für überholt. Es gibt weniger und mehr effektive Mitarbeiter. Richtig wäre über ein Präminensystem, das den Projekterfolg berücksichtigt, abzurechen. Ich weiss aber, dass in unserer Branche dies nicht üblich ist. Hier sind viele Büros noch in der Steinzeit. Es ändert sich aber viel.

Stefan | 21. März 2007 - 11:07

In meinem Vertrag steht: Mehrarbeit ist nach betrieblicher Erfordernis zu leisten und ist mit dem monatlichen Gehalt abgegolten. Also, wer in Deutschland noch über Überstunden "jammert", der ist nicht mehr up-to-date. Es ist einfach eine Praxis, die sich seit Jahren entwickelt hat. Meine Erfahrung ist es, das entweder zu akzeptieren oder sich einen anderen Job zu suchen.

Vor einigen Jahren, so erzählt man immer, war es auch schon einmal so, dass viel mehr als 38,5 Stunden gearbeitet wurde. Ich arbeite in der Bauleitung locker 65-75 Stunden die Woche, ohne finanziellen Ausgleich. In ruhigeren Zeiten jedoch gleicht sich das alles wieder aus. Ein modernes System...?!? Weiter so!

Bauigel | 21. März 2007 - 11:07

@Jochen:
Warum soll das System, über Stunden abzurechnen, überholt sein? Gerade das motiviert doch die Mitarbeiter zu arbeiten. Ich kenne keinen Bauingenieur, der vor Freude an die Decke springt, wenn im Arbeitsvertrag steht "Vergütung 2.000 Euro Brutto inclusive aller Überstunden". Sie bauen doch auch kein Haus und wenn der Bauherr sagt, ich will noch eine Garage haben, wollen sie diese doch auch vergütet haben. Und für die Differenzierung von effektiven und weniger effektiven Mitarbeitern, kann man ja auch unterschiedliche Stundensätze annehmen.

Fortschrittlich ist doch gerade das Stechkartensystem mit flexibler Arbeitszeit, weil man nur dann arbeitet, wenn viel Arbeit ansteht. Momentan sind doch die Mitarbeiter nur deshalb bereit, unbezahlte Überstunden zu machen, weil sie Angst um ihren Job haben bzw. schnell Karriere machen wollen. Beim Prämiensystem ist immer das Problem, dass man nicht jedes Projekt gewinnbringend abschließen kann, weil es z. B. mangelhaft kalkuliert wurde. Zudem könnten sich bestimmte Mitarbeiter immer die lukrativen Aufträge schnappen und übrig bleiben die mit den geringsten Gewinnaussichten.

MH | 21. März 2007 - 18:15

@Kah:
Von welcher Grundarbeitszeit reden wir? 40 Stunden-Woche? Ich denke in unserer Branche ist das utopisch (vielleicht irgendwo auf einem Amt). Ich selber arbeite in einem mittelständischen Bauunternehmen (ca. 100 MA) und komme auf ca. 60 Arbeitsstunden pro Woche, also 20 Überstunden (natürlich unbezahlt), wenn ich eine 40-Stunden Woche zugrunde lege. Meinen Kollegen gehts ähnlich, von daher liegt es glaube ich nicht daran, dass ich unproduktiv arbeite.

Also entweder durchziehen oder Branche wechseln! Seien Sie froh, dass die Baubranche langsam einen kleinen Aufschwung erfährt!

Rolf | 17. Mai 2007 - 16:14

Also ich finde auch, dass der Ansatz über Stunden abzurechnen, nicht überholt ist! Jeder Arbeiter, der mehr Stunden schiebt, bekommt diese vergütet. Jede Arbeit verdient ihr Brot. Der Vergleich mit der Garage ist da genau richtig. Oder freut sich hier jemand am Ende des Monats einfach nur stolz sagen zu können, diesen Monat habe ich wieder so richtig reingehaun und 50 Stunden umsonst geklotzt? Gut, wem es Freude bereitet!

Ich weiß sehr wohl, dass das mit den 50 bis 60 Stunden normal ist. Aber wo leben wir denn eigentlich? Und das bei den zurzeit bezahlten Gehältern. Einzig und allein das Wort Ausbeutung der qualifizierten Arbeitskräfte am Bau ist die richtige Bezeichnung dafür. Jeder Facharbeiter lacht sich über uns kaputt. Außerdem, was nützt es da, wenn weniger zu tun ist und dann nur 40 Stunden gearbeitet werden? Das ist mit Erlaub ein Witz.

Bei den Arbeitszeiten der Bauingenieure geht das Privatleben vor die Hunde. Oder kann mir mal jemand erklären, wie man sich bei 60 Stunden noch anständig um eine Familie kümmern soll? Mit dem Reichtum, den wir durch unsere "Schweinegehälter" anhäufen, wird es auch keinen Ausgleich geben. Geschweige denn, dass man noch ein Hobby ausüben kann?! Dashalb kann nur der Anreiz übers Lohnsystem eine Basis der Vergütung darstellen.

Auch hier kann man im Ausland sehr viele positivere Ansätze finden. Sogar in dem von uns als so brutalem und kapitalistisch unsozialem verschrienem Land USA. Ich kenne dort Ingenieure, die niemals bei uns hier arbeiten würden. Aber nicht weil sie die Sprache nicht können, sondern weil die Bedingungen nicht stimmen.

Fazit: Wie in einigen anderen Forumsbeiträgen, so gilt auch hier. Wechselt die Branche so lange ihr noch könnt und den Mut habt. Oder schaut mal über die Grenze unseres schönen Deutschlands.

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